Bye bye Great Britain

Der Schock sitzt tief. Die Briten haben am 23. Juni „Ja“ zum Brexit gesagt. Damit verabschiedet sich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union (EU) aus dem Projekt des gemeinsamen Binnenmarktes. Mario Tobias, Hauptgeschäftsfürer der IHK Potsdam, sieht darin eine „negative Zäsur“ in der Geschichte der EU. Brandenburger Unternehmen müssen sich Tobias zufolge jetzt damit befassen, „wie sie in Zukunft ihre Handelsbeziehungen mit einem so genannten Drittland gestalten“.

Europäische Flagge

Beziehungen zu Großbritannien müssen neu geordnet werden

28 Staaten, 4,32 Millionen Quadratkilometer und 508 Millionen Einwohner – das war der Europäische Binnenmarkt „davor“. Nach dem Brexit bleibt er noch immer ein attraktiver Markt mit 444 Millionen Einwohnern, der freien Warenverkehr garantiert und für die Unternehmen in den Mitgliedsländern leicht zugänglich ist.

Aber es ist ein großes Problem dazugekommen. Die Beziehungen zu Großbritannien müssen neu geordnet werden. Sonst bestünden nach Einschätzung von IHK-Hauptgeschäftsführer Mario Tobias erhebliche Risiken für die britische und europäische Konjunktur. Die starken bilateralen Handelsverflechtungen zwischen Großbritannien und Brandenburg mit einem Umsatzvolumen von 1,5 Milliarden Euro allein im vergangenen Jahr wäre gefährdet. „Selbst in Brandenburgs Wirtschaft tätige Briten sorgen sich um ihren künftigen Aufenthaltsstatus“, so Tobias weiter. Auch wenn die Standards und Normen gerade im Dienstleistungsbereich längst noch nicht vollständig harmonisiert sind, sorgt der funktionierende Binnenmarkt dennoch für gute Geschäfte über die Ländergrenzen hinweg.

Jens Ullmann, Fachbereichsleiter International der IHK Potsdam, verweist gern auf das Beispiel Polen, um die Bedeutung des Binnenmarktes zu verdeutlichen. Brandenburgs östlicher Nachbar trat im Mai 2004 der EU bei. In dem Jahr erreichten die Brandenburger Exporte nach Polen einen Wert von 600 Millionen Euro. Zehn Jahre später sind es schon 1,9 Milliarden Euro. Polen ist mittlerweile der zweitwichtigste Abnehmer von märkischen Exporten.

 

EU bleibt attraktiver Markt

 

Einheitliche Regeln für den Handel, ähnliche Kulturkreise und in den meisten Fällen auch eine gemeinsame Währung – das macht den Binnenmarkt aus. Das sind Argumente, die die Briten offensichtlich nicht mehrheitlich überzeugen konnten. Für Clemens Fuest, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, ist das Ja zum „Brexit“ dann auch eine „Niederlage der Vernunft“. Zwei Jahre haben Großbritannien und die EU jetzt Zeit, um den künftigen Umgang miteinander zu regeln. „Auch ohne EU-Mitgliedschaft ist und bleibt Großbritannien ein Teil von Europa und wird mit der EU in vielfältiger Weise verknüpft sein“, betont Mario Tobias. EU und deutsche Politik seien jetzt gefordert, einen Plan für die Zukunft zu entwickeln.

In Brandenburg unterhalten etwa 300 Unternehmen Geschäftsbeziehungen zu Partnern im Vereinigten Königreich. Die IHK bietet Hilfe an, um die Unsicherheit über die Entwicklung der Geschäftskontakte zu mindern. Für Brandenburger Unternehmen ist und bleibt die EU ein attraktiver Markt. Sie haben im vergangenen Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von 8,6 Milliarden Euro an Kunden innerhalb der EU exportiert. Das sind Ullmann zufolge 60 Prozent der märkischen Gesamtexporte. „Das zeigt, dass die Brandenburger Wirtschaft die Märkte in der EU als Heimatmärkte ansieht“, betont der IHK-Experte.

 

Überblick über den Zustand einiger Märkte

(Daten von Germany Trade & Invest)

 

Spanien: Aufgehender Stern

 

Spanien fasst nach der großen Krise wieder Tritt. Für den IHK-Experten Jens Ullmann ist das südeuropäische Land „the rising star“. Spaniens großer Vorteil ist seine relativ starke Industrie. Das Land ist nicht so sehr auf Handel und Tourismus angewiesen wie etwa Griechenland. Gute Chancen sieht Ullmann in den Branchen Medizintechnik, Pharmaindustrie, Chemie, Mess-, Steuer- und Regeltechnik sowie Automobilbau. Mit 47 Millionen Einwohnern eröffnet sich hier ein recht großer Markt. Dr. Walther von Plettenberg, Geschäftsführer der AHK Spanien, verwies in einem Interview darauf, dass über die Jahre der Krise ein Investitionsstau in der Industrie entstanden sei. Außerdem sei der private Fuhrpark überaltert, eine Chance für die Maschinenbau- und Automobilindustrie.

 

Frankreich: Interessanter Markt

 

Deutschlands Nachbar im Westen hat „massive strukturelle Probleme“, wie Ullmann konstatiert. Hohe Kosten, zu wenig Flexibilit.t und ein hoher Staatsanteil bei den Firmen. Da muss sich aus Sicht des Außenhandelsexperten Einiges ändern. Und trotzdem: Frankreich ist ein interessanter Markt. In der Automobilbranche haben die Firmen Ullmann zufolge wieder Anschluss an den internationalen Wettbewerb gefunden.

Der Sektor der Mineralölprodukte hat zuletzt kräftig zugelegt. Für das BIP wird in diesem Jahr ein Plus von 1,3 Prozent erwartet. Was Brandenburger Exporte angeht, belegt Frankreich Platz drei im Länderranking. Unter der Ägide der EU lassen sich zudem weiter entfernte Märkte leichter erschließen. Denn die EU hat mit Staaten wie Südkorea oder Mexiko und auch mit dem Beitrittskandidaten Türkei Freihandelsabkommen unterzeichnet. Mit den gewünschten Folgen. Im Fall von Mexiko stiegen die hiesigen Ausfuhren nach Vertragsunterzeichnung im Jahr 2000 von 28,5 Millionen Euro auf 70 Millionen Euro. Ein solches Freihandelsabkommen könnte auch den Beziehungen zu Großbritannien guttun.

 

Polen: Innovationsfreude

 

Auch wenn es auf dem politischen Parkett zu Unstimmigkeiten kommt – die wirtschaftlichen Beziehungen leiden nicht darunter. Laut Eurostat gehörte Polen 2015 zu den fünf dynamischsten Wirtschaften in der EU. Auf der Habenseite stehen also ein stabiles Wachstum, eine breite und vielfältige Zulieferbasis sowie die große Bedeutung als Logistikdrehscheibe zwischen Ost- und Westeuropa. Ullmann sieht vor allem Chancen für Konsumgüter, Elektrowaren und Medizintechnik.

Außerdem hätten die Polen großes Interesse daran, Neues auszuprobieren. „In puncto Innovationsfreude haben die Polen den Deutschen etwas voraus“, sagt Ullmann. Sie sind dabei, Industrie aufzubauen.

 

Niederlande: Verlässlichkeit

 

1,7 Prozent BIP-Wachstum sind für dieses Jahr prognostiziert. Im nächsten Jahr sollen es 2,0 Prozent sein. In den Niederlanden zeigt der Daumen nach oben – sowohl im Maschinenbau als auch in der Automobil-, der Chemie- und der Baubranche und ebenso in den Bereichen IKT, Umwelt- sowie Medizintechnik wird Wachstum erwartet. Gerade die Medizintechnik gilt als wachstumsstark und zukunftsträchtig. Ihr Binnenmarktvolumen wird auf mehr als drei Milliarden Euro eingeschätzt, Tendenz steigend. Auch hier altert die Bevölkerung. Das treibt das Wachstum.

 

Der Artikel erschien in der FORUM – Das Brandenburger Wirtschaftsmagazin der IHK Potsdam. Text: Ute Sommer

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